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Reiseführer Südafrika

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Unser Südafrika Reiseführer mit den aktuellsten Informationen über Land und Leute, den schönsten Routen, praktischen Tipps und vieles mehr. weiter

Lesotho

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Die Tage werden kürzer. Die Nächte kälter. Morgens sind es schon mal drei Grad, die Füße im Schlafsack kalt. Es wird Herbst im südlichen Afrika. In Lesotho spürt man das früher als anderswo, denn Lesotho beginnt da, wo andere Länder nie hinreichen: es beginnt bei etwa 1400 Metern über Null.
Was Buthan in Asien ist oder Bolivien in Südamerika, das ist Lesotho in Afrika: ein Land der Berge, fern der Welt, ein Königreich im Himmel.
Zum Fahrradfahren ist Lesotho nicht ganz so himmlisch. Es ist extrem anstrengend, und wer keine Bereitschaft mitbringt sich zu quälen, ist mit dem Fahrrad in diesem Land falsch unterwegs.

In Lesotho geht es nur bergauf oder bergab. Eine Ebene habe ich nirgendwo gesehen. Geht es bergauf, dann bei etwas Glück nur mit 6 bis 8 Prozent Steigung, meist sind es um die 10 Prozent, nicht selten 15 bis 20. Spätestens ab 15 Prozent ist, nebenbei bemerkt, mit einem schwer bepackten Fahrrad nur noch Schieben angesagt, jedenfalls gilt das für mich. Geht es bergab, dann genauso steil: von 6 bis 20 Prozent ist alles möglich. Weil die meisten Straßen nicht asphaltiert sind, ist aber selbst abwärts fahren kein wirkliches Vergnügen: kopfgroße Felsbrocken, schmieriger Schotter und seifiger Lehm fordern höchste Konzentration und ein möglichst langsames Tempo. Die Straßen führen immer wieder an Steilhängen entlang. Seitlich geht es 400 Meter tief in die Schlucht. Selbst Autos und Minibusse kriechen nur hinauf oder hinab. Wenn die Bremsen nicht funktionieren, wartet der Tod. In der Tiefe warnen ein paar verrostende Autowracks die Lebenden.
Wer mich im vorbeifahrenden Fahrzeug sieht, schüttelt den Kopf. Wer mit mir spricht, kann es nicht fassen. Wenn ich sage, ich sei von Deutschland nach Kapstadt geradelt und jetzt wieder auf dem Weg nach Hause, hält man mich wahlweise für einen Lügner oder Spinner.
Auch ich kann es manchmal nicht fassen. Ich hatte nie einen Plan für diese Reise und von vielen Ländern vorher auch keine Ahnung. Guinea? Da musste ich selbst auf der Karte nachsehen, wo das liegt. Sierra Leone? Ich hatte nur etwas von Diamanten und Kindersoldaten gehört. Kongo? Da sagte jemand zu mir: Es gibt schönere Wege, sich umzubringen. 

Nein, ich hatte keinen Plan. Ich wollte einfach los, meine Neugier stillen und alles auf mich zukommen lassen. Ich wollte von Etappe zu Etappe entscheiden, ohne je einen Ort als Endziel zu definieren. Es ging nie darum, irgendeine Stadt zu erreichen, nicht Kapstadt, nicht Kairo. Ich wollte frei sein – unterwegs als Vagabund und Grenzgänger, Straßenköter und Gossenreiter.
Zu dieser Strategie zählte auch, nie zu viele Detail-Informationen über Länder und Wege einzuholen. Ich wollte offen bleiben, mich überraschen lassen. Wie langweilig wäre es gewesen, schon vorher zu wissen, was mich erwartet – langweilig und vielleicht abschreckend. Das gilt auch für Lesotho. Mir war nur immer wieder gesagt worden: „Wenn du die Berge so sehr liebst wie du behauptest, dann musst du nach Lesotho und unbedingt zum Sani-Pass“. Danke, Freunde. Ich liebe die Berge noch immer. Aber ich fahre die Strecke durch Lesotho ganz bestimmt nie wieder. Obwohl sie so schön ist, ja herrlich. Ich fahre sie nie wieder. Nicht mit dem Fahrrad.

Ich kam von Süden nach Lesotho hinein, kämpfte mich von Mohales Hoek über Malealea zur Hauptstadt Maseru hinauf. Von dort durchquerte ich das Land dann einmal von West nach Ost. Diese knapp 400 Kilometer bis zum Sani-Pass an der Grenze zu Südafrika können es mit dem Kongo aufnehmen oder auch mit der sogenannten Todesstraße in Bolivien. Die ersten Kilometer sind asphaltiert und dennoch bereits anstrengend genug: Hoch auf 2263 m, runter auf 1950 m. Hoch auf 2635 m, runter auf 1850 m ... Dann ist Schluss mit dem Asphalt. Es beginnt der Schotter, die Wildnis, und der Spaß fängt richtig an: Jackals-Pass (2692 m), Mokhoabong-Pass (2880 m), Menoaneng-Pass (3045 m), Kolisephola-Pass (3240 m) und zum Abschluss der erwähnte Sani-Pass auf 2865 m. Insgesamt waren auf diesen knapp 400 Kilometern 13 Pässe mit über 10.000 Höhenmetern zu bewältigen. Jeder Kilometer ist drei- oder vierfach zu rechnen. 40 Kilometer in Lesotho sind wie 120 in den Pyrenäen oder 160 in Berlin-Brandenburg ...

Am sechsten Tag auf dieser höllischen Tour durch das himmlische Lesotho hielt ein Pick-up neben mir. Der schwarze Fahrer fragte, ob er mich den bevorstehenden Anstieg mitnehmen solle. Es war, als wäre bei der Tour de France der „Besenwagen“ neben mir aufgetaucht. Ich schwächelte zu diesem Zeitpunkt nicht einfach nur vor mich hin, ich war längst über dem Limit, fix und fertig. Zum ersten Mal nach über 28.000 Kilometern kreuz und quer durch Afrika hob ich mein Fahrrad auf die Ladefläche eines Wagens und ließ mich knapp 10 Kilometer bergauf chauffieren.
Gestärkt hatte mich das nicht. Ich wusste, die Organisatoren der „Tour de France“ würden mir noch am selben Abend die Startnummer abnehmen. Ich hatte das gepunktete Trikot des Bergkönigs verloren, meine Ehre war dahin, Lance Armstrong würde sich abends im Bett vor Lachen schütteln. Eine Demütigung.

Da ich nicht bei der Tour de France war, sondern bei der Tour de Lesotho, durfte ich am nächsten Tag doch weiter. Ganz alleine und doch gedemütigt, von mir selber. Fahrradfahren spielt sich im Kopf ab – vor allem, wenn es anstrengend wird. Wenn der Kopf nicht frei ist, fallen einem die Beine ab. Der Tag, nachdem der Besenwagen kam, war der Beweis dafür. Im Kopf schwirrten mir elende Gedanken der Niederlage umher, die Beine dankten es mir mit Ungehorsam. Sie wollten nicht mehr wie ich ihnen befahl, sie waren nur noch dicke, schwere Steinklumpen, völlig unbeweglich. Wenn ich versuchte, mich auf die Beine zu konzentrieren, lachten sie mich aus – so wie es Lance getan hätte. Ja, sie brüllten vor Lachen und ich spürte, dass nicht mehr viel fehlte und eines nach dem anderen vor lauter Lachen platzen würde. Es hatte keinen Sinn. Schon am Nachmittag machte ich Schluss und schlug mein Zelt in einem Tal am Rande eines Flusses auf. Die Daten meines Fahrrad-Computers zeigten mir, wie bitter es ist, wenn der Kopf nicht mitspielt. Ich hatte lächerliche 35 Kilometer zurückgelegt bei einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 7,70 km/h.
Irgendjemand hatte mich einmal eine Bergziege genannt, in Lesotho war ich nur noch eine Schnecke. Immerhin: 7,70 km/h, das war ein neuer Rekord.

Trotz all dieser körperlichen Strapazen und Schwäche-Rekorde hat mich Lesotho nach der leicht depressiven Phase in Südafrika wieder aufgebaut. Ich liebe die Berge eben doch, ihre wilde Schönheit, ihre Kraft und Unberechenbarkeit. Ich liebe die Einsamkeit in eisigen Höhen, das Gespür für die eigene Bedeutungslosigkeit und die unbeschreibliche Kraft, die daraus resultiert. Berge sind gute Therapeuten: Sie zeigen einem die Grenzen auf und lehren einen, dass man sich eine Niederlage vergeben darf. Sie befriedigen die Sehnsucht nach dem Tod und wecken den Mut zu leben.

Gutes Wetter war während meiner Fahrt durch Lesotho selten. Manch stürmischer Regen brachte mit dem Wind auch bittere Kälte. In der Früh umhüllten Wolken die Berggipfel und an den Hängen kroch weißer Nebel hinauf.
Trotz der Kälte fuhr ich weiter in Sandalen. Selbst wenn mir morgens auf den ersten Kilometern die Füße fast einzufrieren drohten, selbst wenn es so kalt war, dass es schmerzte, ich wusste: sobald ich nur einen Kilometer bergauf gefahren war, würde mir sehr schnell nicht nur warm, sondern heiß – und dann würde es auch nicht mehr lange dauern, bis die Füße zu brennen anfingen. 
Wenn im Laufe des Tages die Wolken höher stiegen und der Nebel sich verzog, sah ich von mancher Anhöhe in den tief eingeschnittenen Tälern Flüsse mäandern. An den Berghängen klebten ein paar winzige Häuser, um sie herum leuchteten im gelegentlichen Sonnenschein kleine Mais- oder Weizenfelder. Brach gegen Abend nach gestiegenen Temperaturen ein Gewitter los, erstrahlte wenig später ein Regenbogen über den Feldern, beugte sich über die dunklen Berghänge und färbte die Pisten rot.

Meine Begeisterung für Lesotho lag dennoch nicht nur an der Einsamkeit in den Bergen. Zum ersten Mal seit langer Zeit traf ich wieder Menschen, die mich ungezwungen mit einem offenen Lachen anstrahlten. Da waren mir die „give me money, give me sweets ...“-Rufe fast egal. Nach zwei Tagen hatte ich mich jedenfalls wieder an sie gewöhnt. Als ein Junge seine sechs Kühe über die Straße treibt und mich um Geld angeht mit dem Argument, er habe Hunger, grinse ich und sage: „Ich habe auch Hunger, lass uns eine deiner Kühe schlachten.“ Da lacht der Junge – vielleicht über mich, vielleicht aber auch über sich. Er trägt wegen der Kälte wie fast alle Menschen in Lesotho eine Strickmütze auf dem Kopf und eine schwere Wolldecke um die Schulter.

Auch Msane trägt eine Strickmütze und eine Wolldecke. Er bettelt mich allerdings nicht an, er fordert seinen Lohn ein. Msane hat sich selber Arbeit gesucht. Er bessert die Straße aus, eine steile Bergpiste aus Lehm, Schotter und Steinen, vom Regen ausgewaschen, mit tiefen Löchern und Furchen.
Msane ist „Steineklopfer“. Er hebt einen größeren Felsbrocken auf und donnert ihn auf eine Ansammlung kleiner Steine, die unter der Wucht des Aufpralls zerspringen. Dann legt er die Bruchstücke der Steine in die Löcher und Furchen der Straße. Damit die Autos den Berg besser hoch- und runterkommen. Wenn Msane Glück hat, hält ein Fahrer an und gibt ihm etwas Geld. Als ich ihm 10 Maloti reiche, umgerechnet 1 Euro, ist Msane außer sich vor Freude. Er rennt den Berg 50 Meter hinauf und wieder hinunter, jauchzt, lacht und schreit. Dann greift er nach meiner Hand und schüttelt sie, dass mir fast der Arm abfällt. Irgendwann fahre ich weiter: Alles Gute, Msane, alles Gute ...

ENDE