Südafrika vom Fahrradsattel
Südafrika befindet sich in einer Depression. Die Depression ist so schwer, dass nur Medikamente helfen. Leider kennt niemand das passende Präparat. Also wird viel ausprobiert, nur Linderung ist nicht in Sicht. Die Schulden steigen, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Menschen sind verunsichert.
Was ist nur los mit diesem Land? Es ist schön, es ist reich und trotzdem krank. Die Menschen wirken bedrückt: Jung und Alt, Schwarz und Weiß. Niemand hat so recht eine Ahnung, was er tun soll und wohin er gehört. Es ist, als sei eine ganze Nation auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach der eigenen Identität.
Wie war das vor 20 Jahren? Am 11. Februar 1990 wurde Nelson Mandela aus der Haft freigelassen. Nach 27 Jahren! Die Weißen reichten den Schwarzen endlich die Hand. Es herrschte Freude und Hoffnung. Man beschloss, gemeinsam eine Regenbogen-Nation aufzubauen – eine Nation, in der alle Menschen, ganz gleich welcher Hautfarbe, dieselben Rechte und Chancen haben sollen.
Wo auch immer diese Regenbogen-Nation ist, ich habe sie nicht entdeckt. Ich sah Schwarz und Weiß getrennt. Die Schwarzen leben noch immer abgekoppelt und anonym in riesigen Townships, in auf Sand gebauten Wellblechhütten. Die Weißen verbarrikadieren sich mehr denn je von Sicherheitsdiensten bewacht in mit Stacheldraht gesicherten Ghettos. Südafrika bedient gnadenlos alle Klischees und Vorurteile. Die Weißen sind Geschäftsinhaber, die Schwarzen arbeiten für sie ...
Ja, es mag ein paar Schwarze geben, die ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut haben. Sie fahren wie die Weißen edle Mercedes-Limousinen oder große, neue Geländewagen. Aber sonst? Die meisten Schwarzen leben in Armut und haben den Reichtum all jener vor Angesicht, die es „irgendwie“ geschafft haben. Diese Konfrontation scheint niederschmetternd zu sein. Jedenfalls habe ich nirgendwo auf meiner Reise durch Afrika die Schwarzen so unglücklich und hoffnungslos gesehen wie in Südafrika. Sie wirken teilnahmslos, müde und mutlos. Laute Musik höre ich nur, wenn das Bier fließt. Singend und tänzelnd durchs Leben? Nicht in Südafrika! All das, was ich an Schwarzafrikanern bewundert und lieben gelernt habe, das fehlt mir hier: die Lebensfreude der Menschen, ihre Witze und ihr Lachen, ihre Gelassenheit und ihre Neugier, ihre Kraft und ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein. Stattdessen erlebe ich eine fast apathische Regungslosigkeit.
Ich räume ein, dass ich vor allem durchs ländliche Südafrika fuhr und dass dort diese Passivität besonders eindrücklich sein mag. Die Schwarzen grüßten mich, wenn ich sie grüßte. Vielleicht lächelten einige. Aber die meisten blickten mich nur an wie einen, der aus einer Welt kommt, mit der man nichts zu tun hat und zu der es auch nie einen Eintritt geben wird. Waren diese oberflächlichen Begegnungen mit den Schwarzen in Südafrika schon mehr als ernüchternd, so erwiesen sich die Gespräche mit weißen Südafrikanern als nahezu unverdaulich und die Auseinandersetzung mit ihnen drohte mich selbst in eine Depression zu stürzen.
Es begann schon in Namibia, noch ehe ich Südafrika überhaupt erreicht hatte. Viele südafrikanische Urlauber warnten mich:
- Du musst aufpassen. Südafrika ist gefährlich. Überall Verbrecher, Kriminelle. Sie bringen dich um, auch wenn es nur um ein paar Cent geht.
- Glaube niemals, du seist sicher. Sie kommen mitten am Tag. Mit Messern oder Pistolen. Wenn du Glück hast, überlebst du, aber sie ziehen dich aus bis auf die Unterhose.
- Du darfst dein Fahrrad in Südafrika niemals aus den Augen lassen. Du darfst nicht einmal mit den Augen zwinkern, sonst fehlen dir schon vier Gepäckstücke.
- Komme nie auf die Idee, wild zu campen. Selbst auf einem Campingplatz bist du nicht sicher. Es passiert immer wieder, dass Urlaubern während sie schlafen das Zelt aufgeschlitzt wird und alle Taschen geklaut werden.
- Wenn du dein Fahrrad nicht mit ins Zelt nehmen kannst, dann musst du einen Bewegungsalarm am Rad anbringen. Sonst ist es morgens weg.
Die Botschaften waren unmissverständlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Südafrika unbeschadet durchqueren könnte, ging gegen Null. Wenn ich nicht nachts in einer dunklen Gasse abgeknallt werde, dann überfährt mich eben eines Tages ein Lastwagen ...
Südafrika – so sagten alle, mit denen ich sprach – ist eines der schönsten Länder des Kontinents, aber auch das gefährlichste. Mauretanien? Nigeria? Kongo? Pah!
Am 6. Januar 2010 reiste ich nach Südafrika ein. Gut drei Monate später verließ ich das Land wieder: lebend, mit Fahrrad und allen Gepäckstücken. Allerdings verließ ich Südafrika dennoch so, als hätte man mir etwas gestohlen: meine Unvoreingenommenheit und meine Freude an den Begegnungen. Während mich die meisten schwarzen Südafrikaner mit ihrer depressiven Stimmung niederschlugen, prügelten die Weißen fortwährend auf meine weltoffene Gesinnung ein.
Hier einige Zitate weißer Südafrikaner, die ich unkommentiert wiedergebe. Ich würde sie nicht erwähnen, wenn es Einzelfälle gewesen wären. Allerdings hörte ich die meisten dieser Sätze so oder ähnlich immer wieder:
- Sieh dir unsere Minister an: sie richten alles zugrunde. Sie sind unfähig, ihren Job zu tun. Sie haben ihren Job bekommen, weil sie schwarz sind, nicht weil sie dafür qualifiziert sind. Weiße werden trotz besserer Qualifikation abgelehnt. Der Rassismus geht heute von den Schwarzen aus. Also gehen viele Weiße fort. Immer mehr verlassen das Land und die Unfähigen machen ungestört weiter.
- Südafrika ist korrupt. Mehr als ein Politiker ist erwischt worden, weil er sich hat bestechen lassen. Und was passiert? Man hört nie wieder etwas. Es gibt keinen Prozess. Nichts. Die Polizisten stecken mit den Verbrechern unter einer Decke – das ist Südafrika heute.
- Du musst dir das vorstellen: Es gibt Weiße, die zu Zeiten der Apartheid alles andere als Rassisten waren. Heute sind sie welche geworden.
- Die meisten von uns Weißen sind keine Rassisten. Wir waren es auch nie. Aber es muss doch möglich sein, über Tatsachen zu sprechen, ohne gleich als Rassist bezeichnet zu werden.
- Du kannst keinem Schwarzen einen Auftrag geben, ohne ihn zu kontrollieren. Wenn du ihn nicht kontrollierst, wird er seine Arbeit nicht erledigen.
- Du kannst einem Schwarzen nicht heute schon sagen, was er morgen tun soll, denn er wird es bis zum nächsten Tag vergessen haben.
- Die Mentalität der Schwarzen ist für den Kapitalismus ungeeignet. Ein Beispiel: Gibst du einem Schwarzen eine große Farm, dann wird das meiste Land brach liegen, denn er wird nur so viel anbauen, dass er seine Familie ernähren kann. Er tut es nur für sich, nicht um ein expandierendes Geschäft aufzubauen, nicht für die Nation. Schau nach Zimbabwe, dann weißt du, was passiert, wenn Schwarze die Farmen der Weißen übernehmen: einst ein blühendes Land, jetzt am Boden zerstört.
- Die meisten Schwarzen wollen nicht arbeiten. Sie halten lieber die Hand auf. Und was macht unsere schwarze Regierung? Sie unterstützt das. Jeder, der sich arbeitslos meldet, bekommt Unterstützung. Für jedes Kind in der Familie gibt es Geld bis zum 18. Lebensjahr. Die Großmutter bekommt eine Rente. Nun wohnt die ganze Familie in einem Haus zusammen. Es werden immer mehr Kinder in die Welt gesetzt. Das Geld reicht für alle zum Leben. Es reicht sogar, dass die Männer sich regelmäßig betrinken. Für Schwarze existiert hier in Südafrika nicht die Notwendigkeit zu arbeiten. Sie müssen es nicht und sie wollen es auch gar nicht. Und wenn das Geld doch nicht reicht, schicken die Väter ihre Kinder zum Betteln in die Stadt.
- Die Schwarzen sind Parasiten, sie saugen den Staat aus.
- Der Schwarze kennt keine Dankbarkeit.
- Die Schwarzen lächeln dir freundlich ins Gesicht. Aber drehst du dich um, rammen sie dir ein Messer in den Rücken.
- Der Schwarze denkt nicht an morgen. Geld sparen oder in etwas investieren – das passt nicht in seine Welt. Und die südafrikanische Regierung ist genauso. Sie denkt nicht an morgen. Nur an heute. Sie gibt Millionen für die Fußball-WM aus, stellt Milliarden zum Lebensunterhalt der Schwarzen zur Verfügung. Aber das Geld wird knapp – und was kommt dann?
- Nach der Fußball-WM wird Südafrika im Chaos versinken. Der Staat ist überschuldet. Er kann die Finanzleistungen nicht ewig fortsetzen. Es wird Unruhen geben, Krieg.
- Eines Tages kommen die Weißen zurück und übernehmen wieder die Herrschaft. Anders geht es nicht.
Manchmal versuchte ich den Argumenten vorsichtig zu widersprechen: Schwarze wollen nicht arbeiten? Sie haben Fuhrunternehmen aufgebaut. Fahren all die Minibusse im Land. Schuften im Straßenbau. Arbeiten in Supermärkten, auch an Wochenenden und an Feiertagen wie zu Ostern. Schwarze ernten für die weißen Farmer Zwiebeln, Obst und Wein. Sie arbeiten in Sicherheitsdiensten, in Restaurants und Hotels. Sie laufen mit Bauchläden umher und versuchen Sonnenbrillen, Schmuck und Krimskrams zu verkaufen. Schwarze Südafrikaner wollen nicht arbeiten? Und doch bringen sie schwarze Flüchtlinge aus Zimbabwe um – aus Angst, dass diese ihnen die Jobs wegnehmen. Welche Chancen hat ein ungelernter Schwarzer? Welche Chancen hat Schwarzafrika ohne Bildung?
Irgendwann auf dieser verwirrenden Reise durch ein irritiertes Land, schöpfte ich Hoffnung. Da sagte ein Weißer zu mir:
- Viele hier in Südafrika sind pessimistisch. Denen sage ich immer: Du musst positiv denken, dann wirst du auch Positives erleben. Denkst du negativ, mmh ...
Bedauerlicherweise sagte deselbe Mensch nur wenig Sekunden später zu mir:
- Wenn euer Hitler den Krieg gewonnen hätte, dann gäbe es heute all die weltweiten Probleme nicht – und Südafrika wäre noch immer reich und groß.
Ich habe es versucht, aber ich bin mit Südafrika nicht warm geworden. Das ist nicht weiter schlimm und vielleicht lag es ja auch an mir. Ich bin sicher, man kann Südafrika anders erleben und empfinden als ich es tat. Man reist mit dem Flugzeug nach Kapstadt. Sieht eine pulsierende Multi-Kulti-Metropole. Sieht Schwarze, die „es geschafft“ haben und einige, denen die Kleider nur noch als Fetzen vom Leib hängen. Nun ja, man geht vorüber ... und bewundert wenig später den Tafelberg. Spaziert vormittags durch das neu aufgebaute, glänzend leuchtende Hafenviertel. Geht shoppen in einem der luxuriösen Kleider- oder Schmuckgeschäfte. Setzt sich in ein Café und trinkt einen Cappuccino. Die Bedienung ist männlich oder weiblich, aber ganz bestimmt schwarz, jung, schön und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Abends geht man erlesen essen, anschließend in eine feine Bar oder peppige Diskothek. Man spricht mit jüngeren, weißen Südafrikanern, spürt ein wenig positive Stimmung und überhört all die Sätze, die da anfangen mit „Wir sind keine Rassisten, aber ...“.
Nein, man lässt sich den Urlaub nicht vermiesen. Am Wochenende steht ein Freiluft-Konzert im Botanischen Garten auf dem Programm. Außerdem fährt man mit einem Leihwagen hinaus nach Cape Point, sieht Luxusvillen an beneidenswert schönen Meeresbuchten, bewundert 30 Kilometer weiter die Pinguin-Kolonie und bucht auf dem Rückweg nach Kapstadt noch eine geführte Tour durch Khayelitsha – das ist ein Township-Moloch, aber man will ja auch wissen, wie die meisten Schwarzen so leben. Die Visite in Khayelitsha findet überraschenderweise ohne begleitende Sicherheitsdienste statt und beinhaltet zum Abschluss einen Rundgang über den örtlichen Kunstmarkt. Da ist man von den Fertigkeiten der Schwarzen recht beeindruckt und kauft eine Kleinigkeit. Man will ja auch etwas Gutes tun. Am Tag darauf folgt der Trip zur Weinprobe in die Berghänge rund um Stellenbosch, eine Domäne der Weißen. Dann geht es über die legendäre Route 62 zur viel gerühmten Garden Route und weiter mit dem Flugzeug nach Durban an den Indischen Ozean. Von dort zum Krueger-Nationalpark und abschließend in die herrlichen Drakensberge an der Grenze zu Lesotho.
Ja, Südafrika ist schön und hat viel zu bieten. Man muss es sich nur leisten können. Die meisten Schwarzen in Khayelitsha können das nicht. Sie kommen vielleicht bis ins nahe gelegene Kapstadt, kehren abends zurück in die heimische Wellblechhütte und erleben tagein tagaus einen bösen Traum.













